Traumafolgestörungen
Diese Zusammenstellung soll einen Überblick über mögliche Traumafolgestörungen geben und einen grobe Orientierung zur Begriffsklärung der medizinischen Diagnosen bereitstellen.
Die Posttraumatische Belastungsstörung, die komplexe posttraumatische Belastungsstörung sowie die Dissoziative Identitiätsstörung werden hier noch einmal intensiver erklärt.
Für eine Erklärung der einzelnen Krankheitsbilder, lohnt sich ein Blick in die Tabelle, die als PDF-Download zur Verfügung steht. Ebenso empfehlenswert ist die unten angegebene Literatur. Auch die verlinkten Websiten sind für weiterführende Wissen zu diesem Thema hilfreich.
Mögliche
Traumafolge-
störungen
(nach ICD-11)

Wie eine Traumafolgestörung entsteht
Auftreten, Ausprägung und Schwere der einzelnen Traumafolgestörungen ist abhängig von diversen Faktoren:
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In welchem Entwicklungsalter kam es zur Traumatisierung?
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Waren (nahestehende) Menschen ursächlich für die Traumatisierung?
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Wie war die psychische Verfassung vor dem Auftreten der Traumatisierung?
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Wurde das Erleben des Traumas durch das Umfeld anerkannt?
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Gab es bereits vorher Traumatisierungen?
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Wie groß war das Schadensausmaß der Traumatisierung?
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Kam es zu Gedächtnisveränderungen?
(Maercker, 2019, S.27 Abb.2.2)
Bewältigungsversuche und deren Folgen
Infolge einer Traumatisierung können ebenso sekundäre, psychische Erkrankungen auftreten, die als Resultat eines Versuchs der Linderung der PTBS-Symptomatik zu verstehen sind. Hierzu zählen vorrangig Substanzmissbrauch und Sucht sowie Essstörungen.
Sucht und Trauma - "Ich entscheide, was ich fühle"
Es ist nicht zu vernachlässigen, dass das Risiko eine Suchterkrankung zu erleiden bei Menschen mit PTBS zwei- bis vierfach erhöht ist (Maercker & Hecker, 2016). Der Konsum von Suchtmitteln hat für Betroffene mit PTBS eine Funktion der Selbstmedikation um die psychischen und/oder körperlichen Folgen einer Traumatisierung abzumildern. Lüdecke, Faure & Sachsse (2018) nennen in diesem Zusammenhang die durch Substanzen herbeigeführte Regulation von Gefühlszuständen und Emotionen als Grund für Substanzgebrauch bei traumatisierten Menschen. Da frühkindliche Traumatisierungen häufig mit dysfunktionalen oder mangelnden Bindungsangeboten einhergeht, wird ebenso diskutiert inwiefern der Konsum von Opioiden als Ersatz für fehlende Bindungserfahrung und dem damit verbundenen Mangel an Ausschüttung körpereigener Opioide betrachtet werden kann.
Suchterkrankungen korrelieren nicht nur mit stressinduzierten Erkrankungen wie der PTBS, sondern häufig auch mit verschiedenen Persönlichkeitsstörungen. Hierbei können die einzelnen Erkrankungen verstärkend oder abschwächend aufeinander wirken und ein komplexes, nicht leicht zu durchdringendes Symptombild ergeben (Sachsse, 2018). Diese Gemengelage kann professionelle Helfer:innen in der Zusammenarbeit mit diesen Klient:innen vor große Herausforderungen stellen und führt in der Praxis häufig zu fehlgeleiteten Diagnosestellungen und Behandlungsansätzen.
Essstörungen und Trauma
Menschen, die frühkindlichen Traumatisierungen ausgesetzt waren, haben ein deutlich erhöhtes Risiko an einer Essstörung zu erkranken (Cillien & Zieger in Shellong, Sachsse & Sack, 2018) . Auch das eigene Essverhalten wird stellvertretend als Regulator für negative, innere Spannungszustände (Hyperaoursal) oder zum Eindämmen dissoziativer Zustände genutzt. Ebenso können Essstörungen, die mit besonders starken Restriktionen der Nahrungsaufnahme oder selbstinduziertem Erbrechen verbunden sind, ein Gefühl von (Eigen-)Kontrolle zurückgeben.
Da Essstörungen häufig mit somatischen und auch potientiell tödlichen Folgeerkrankungen assoziert sind, sollten die psychotraumatologischen Erkenntnisse auch für die Somatische Medizin eine große Bedeutung zugewiesen bekommen. So konnte das Vorliegen einer PTBS als wichtigster, psychischer Risikofaktor für das Auftreten von Adipositas ausgemacht werden (Scott et al. zit. nach Gysi, 2022).
Weiterführende Links
Reaktive Bindungsstörung und
Störung der sozialen
Bindung mit enthemmten Verhalten
| https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/kinder-jugendpsychiatrie-psychosomatik-und-psychotherapie/ratgeber-archiv/artikel/vernachlaessigung-durch-eltern-verursacht-bindungsstoerungen-bei-kindern/ |
Anhaltende Trauerstörung | https://www.deutschlandfunkkultur.de/anhaltende-trauerstoerung-wenn-aus-der-trauer-kein-weg-mehr-100.html |
Anpassungsstörung | https://www.aerzteblatt.de/archiv/55204/Anpassungsstoerungen-Wenig-beachtet-und-kaum-untersucht |
Depression | https://depressionsliga.de/ |
Persönlichkeitsstörung mit Borderline-Muster | https://www.spektrum.de/news/borderline-folge-zwischenmenschlicher-traumata-in-der-kindheit/1975948 |
Literaturverzeichnis
Gysi, J. (2022). Diagnostik von Traumafolgestörungen: Multiaxiales Trauma-Dissoziations-Modell nach ICD-11. Hogrefe AG.
Lüdecke, C. (2010). Sucht - Bindung - Trauma : Psychotherapie von Sucht und Traumafolgen im neurobiologischen Kontext. Schattauer Verlag.
Maercker, A. & Hecker, T. (2016). Trauma- und Gewaltfolgen – psychische Auswirkungen. Bundesgesundheitsblatt-gesundheitsforschung-gesundheitsschutz, 59(1), 28–34. https://doi.org/10.1007/s00103-015-2259-6
Maercker, A. (2019). Traumafolgestörungen. Springer-Verlag.
Sachsse, P. U. (2018). Traumazentrierte Psychotherapie: Theorie, Klinik und Praxis - Mit einem Vorwort von Luise Reddemann. Klett-Cotta.
Sack, M., Sachsse, U. & Schellong, J. (2013). Komplexe Traumafolgestörungen: Diagnostik und Behandlung von Folgen schwerer Gewalt und Vernachlässigung.
Streeck-Fischer, A. (2014). Trauma und Entwicklung: Adoleszenz – frühe Traumatisierungen und ihre Folgen. Schattauer Verlag.
Wöller, W. (2014). Bindungstrauma und Borderline-Störung: Ressourcenbasierte Psychodynamische Therapie (RPT). Schattauer Verlag.